Weltfriedensdienst e.V.

Wasserraub - ein schlüpfriges Phänomen

Wasser ist ständig in Fluss: Seine Verfügbarkeit variiert mit den Jahreszeiten, der Intensität menschlicher Nutzung oder dem Wandel klimatischer Bedingungen. Seine flüchtige Natur macht es zu einem bevorzugten Ziel des Zugriffs durch mächtige Akteure im Wassermanagement. Eine Spurensuche von Lyla Mehta, Gert Jan Veldwisch und Jennifer Franco.

Großflächige Akquisitionen von Land zugunsten von Agrarinvestitionen, besser bekannt unter der Bezeichnung Landraub, haben zuletzt für Schlagzeilen gesorgt. Im Namen der Inwertsetzung marginalen und unproduktiven Bodens haben sich mächtige transnationale und nationale Akteure überall auf der Welt dem Agrarsektor zugewandt, um Kapital aus möglichen börslichen Mitnahmeeffekten in Subsektoren zu schlagen, darunter dem Handel mit Nahrungsmitteln, Biokraftstoffen, sogenannten Flex-Crops (Flexibel verwertbares Getreide wie Mais oder Ölpalmen) und anderen wichtigen Grunderzeugnissen. Mitverantwortlich für den gegenwärtigen weltweiten Ansturm auf Agrarland ist der Anstieg der globalen Nahrungsmittelpreise seit 2007. Seither drängt immer mehr globales Kapital in Agrarinvestitionen, denn die Gewinnerwartungen sind hoch, sei es durch Ausweitung der Produktion oder durch Spekulation auf einen weiteren Anstieg der Bodenpreise. Optimistische Versprechungen, dass solche Investitionen durch die Schaffung von Arbeitsplätzen und verbesserten Lebensbedingungen auch notleidende ländliche Wirtschaftsräume wiederbeleben würden, haben sich als reichlich überzogen, in vielen Fällen sogar als gänzlich unbegründet erwiesen.
Zu den unerzählten Geschichten des weltweiten Landraubs gehört das Bestreben, eine der lebenswichtigsten Ressourcen zu fassen zu bekommen: Wasser. Wird Land geraubt und wirtschaftlich erschlossen, hat dies meist Folgen für das Wasser in der Nähe. Tausende Hektar Land sind in Ländern wie Mali oder Äthiopien an Investoren überschrieben worden, mit erheblichen Auswirkungen auf die Land- und Wasserechte der lokalen Bevölkerung und für die Umwelt; so wird im Rahmen von Land Deals nur selten der Wasserbedarf hinsichtlich der Koordinaten Zeit und Raum berücksichtigt, weshalb der steigende Verbrauch im Zuge der Neubewirtschaftung den Druck auf die Oberflächen- und Grundwasserressourcen erhöht und zu Konflikten auf lokaler Ebene führt. Hinzu kommt, dass Land, das Gegenstand solcher Transaktionen wird, keineswegs marginal, sondern entweder besonders wertvoll und an Bewässerungssysteme angeschlossen ist oder bereits von kleinen wie größeren Produzenten bewirtschaftet wird, die anschließend enteignet und ihrer Lebensgrundlage beraubt werden.

„Wasserraub findet unter Zuhilfenahme machtvoller Narrative statt“

Wasserraub ist ein besonders schlüpfriges, schwer zu fassendes Phänomen, denn anders als Land ist Wasser in Fluss und bewegt sich von einem Ort zum anderen. Seine Verfügbarkeit variiert mit den Jahreszeiten, der Intensität menschlicher Nutzung oder dem Wandel von klimatischen Bedingungen. Manchmal ist es als Oberflächenwasser sichtbar, manchmal fließt es nicht sichtbar unterirdisch dahin. Wasser kann eine Quelle zur Herstellung von Nahrungsmitteln sein, aber auch von Krankheiten und Verschmutzung. Wasserrechte, in Form des Zugangs zu einem Gewässer und seiner Nutzung zum Beispiel, sind komplex und sie ändern sich. Wer hat das Recht an einem Fluss? Die Menschen, die an einem bestimmten Platz seines Ufers leben, die Landwirte, die auf sein Wasser zur Bewässerung ihrer Felder angewiesen sind – oder vielleicht doch diejenigen an seinem Ober- oder Unterlauf? Lenkt man den Blick auf diese verdeckten, nicht fassbaren Anteile, erweist sich Wasser raub nicht nur als ein schlüpfriges Phänomen. Es zeigt sich vielmehr, dass die großflächigen Landerwerbungen in allen Teilen Afrikas tatsächlich als Wasserraub verstanden werden können. Wobei damit nicht gesagt sein soll, dass die Kauf- und Pachtverträge grundsätzlich illegal wären; doch werfen sie grundsätzliche Fragen sozialer Gerechtigkeit auf.
Die Untersuchung von politisch motivierten Wasserkonflikten ist kein neues Thema, doch mit dem Begriff des Wasserraubs verschiebt sich der Fokus und es richtet sich das Augenmerk auf eine neue Gruppe von Akteuren im Wassermanagement, den Schritt hin zur Kommodifizierung, Privatisierung und Kapitalisierung der Ressource selbst sowie die sich daraus ergebenden Prozesse von Aneignung und Enteignung. Ein Großteil des weltweiten Wasserraubs findet unter Zuhilfenahme machtvoller Narrative statt wie dem von der Erschließung eines unerschöpflichen Potenzials von zuvor unausgeschöpften Land- und Wasserressourcen durch Kapitalinvestitionen, die nur darauf gewartet hätten, von der kommerziellen Landwirtschaft geweckt zu werden. Das Narrativ der unerschlossenen Ressourcen liefert Regierungen eine Legitimation, die vormaligen Nutzer einer Ressource durch neue zu ersetzen und die traditionellen Formen und Wege der Wassernutzung durch Kleinbauern zu ignorieren. Mit dem Hinweis auf die wirtschaftliche Knappheit von Wasser wird zudem der oftmals soziopolitische und konstruierte Charakter der Knappheit überspielt oder der Umstand verschleiert, dass durch Direktinvestitionen neue Formen der Wasserknappheit erst hervorgerufen werden.
Wasser wird als „knapp“ und „schlecht erschlossen“ beschrieben, um seinen Raub zu rechtfertigen. Im Tana-Delta hat die kenianische Regierung das Flussbecken des Tana zur Entwicklung ausgeschrieben, wobei sie die Flussauen der Schwemmlandzone als „unbenutzt“ und die terrassierten Hänge als „unbewohntes Trockenland“ mit Bewässerungspotenzial bezeichnet.

„Seine flüchtige Natur macht Wasser zu einem bevorzugten Ziel von Akquisitionen“

Doch dieses Land ist seit Langem die Heimat von Kleinbauern, Fischern und Hirten unterschiedlicher Herkunft, deren gemeinschaftliche Nutzung dieses Lebensraumes mit seinen fragilen Land- und Wasserressourcen seit Generationen nur durch eine fein ausbalancierte, auf gewohnheitsmäßigen Rechten basierende Vereinbarung der Gruppen untereinander möglich ist. Die jüngsten Gewaltausbrüche in der Tana-Region bezeugen die Risiken – und das Drama – einer Politik, die die sehr viel komplexeren gesellschaftlichen Realitäten in der Region ignoriert.
Land und Wasser sind in Grabbing- Vorgängen eng miteinander verknüpft. Seine flüchtige Natur macht Wasser zu einem bevorzugten Ziel von Akquisitionen.
Dabei sind die Grenzen zwischen Legalität und Illegalität oft nur schwer auszumachen, zumal die Rechtslage in Wasserfragen mitunter diffus ist. Grabber nutzen juristisch unklare Verhältnisse häufig zu ihrem Vorteil. In Ghana zum Beispiel bereitete die Trennung von Land- und Wasserrechten staatlichem Wasserraub den Boden: Vormals existierende gewohnheitsmäßige Wasserrechte wurden abgeschafft und Eigentum, Management und Kontrolle des Wassers auf den Staat übertragen. In den meisten Fällen hängt nun die offzielle Wassernutzung an der Vergabe einer staatlichen Lizenz, die nur gegen eine Gebühr zu bekommen ist.
Während der Dürreperiode erhöhte die Regierung Malis die Wassergebühr auf die Bewirtschaftung von kleinen, bis zu einem Hektar großen Anbauflächen im Office du Niger um das Zehnfache, um so die örtlichen Kleinbauern zur Aufgabe ihrer Reis-Landwirtschaft zu zwingen und das Wasser für großflächige Agrarinvestitionen verfügbar zu machen. Das Beispiel im Office du Niger macht zudem deutlich, wie wichtig es ist, den sich wandelnden Wasserbedarf über Zeit und Raum genauestens zu betrachten, statt einfach nur auf das Wasservolumen zu schauen. Das hat zunächst mit den besonderen Merkmalen von Wasser zu tun, die maßgeblichen Einfluss auf solche Dynamiken haben. In der Natur ist Wasser in Bewegung: Es fließt, es bleibt nicht an einem Ort und ist zugleich an den meisten Orten eine erneuerbare Ressource.
Das hat zur Folge, dass die Verfügbarkeit von Wasser Schwankungen unterliegt, zeitlich wie räumlich, und diese Schwankungen sind entscheidend, wenn es um Fragen der Allokation der Ressource und ganz konkret um die Verfügbarkeit von Wasser geht. So kann selbst eine nicht konsumptive Nutzung von Wasser, zum Beispiel zur Energieerzeugung aus Wasserkraft, schwerwiegende Auswirkungen auf die Teilhaber an einer lokalen Wasserwirtschaft haben, weil der Zeitpunkt der Verfügbarkeit der Ressource variiert. Die Bewegungsdynamik des Wassers bringt zudem auch Flussabwärts-Effekte für die Menschen und mögliche Nutzungsweisen mit sich und macht es erforderlich, sich deren Auswirkungen entlang einiger Einheiten (im Bereich einer Wasserscheide oder in einem Becken zum Beispiel) genau anzuschauen.
Unklare oder widersprüchliche Rechtsverhältnisse durch administrative Grenzen können die Probleme verschärfen. In Tansania zum Beispiel wurde in einem Bezirk ein streitbarer Land Deal verhandelt, obgleich sich die infrage stehenden Downstream-Effekte nur in einem benachbarten Bezirk ausgewirkt hatten, der im Prozess anfänglich gar nicht vertreten war. Dünger, Pestizide und tierische Fäkalien hatten zur Verschmutzung von flussabwärts gelegenen Trinkwasserquellen geführt, die der Versorgung von 45.000 Menschen dienten.

"Ungleiche Machtbeziehungen, mangelnde Trennschärfe zwischen Legalität und Illegalität: Den flüssigen Eigenschaften des Wassers korrespondiert das flüchtige Wesen des Grabbing-Vorgangs"

Häufig werden Wasser, Wasserrechte sowie die Einkünfte aus der Wassernutzung an mächtige Player im Bergbau und in der Wasserwirtschaft übertragen, in Chile und Argentinien zum Beispiel im Zuge des Rohstoff- und Edelmetallbooms, der große Wassermengen verschlingt. Die Diebe kommen nicht nur aus dem Ausland, sondern ebenso aus den betreffenden Ländern und manchmal sogar aus der Region. Nicht selten bedienen sie sich legaler Mittel oder nutzen juristische Bestimmungen, um Wasser umzuleiten und sich an Bevölkerungsgruppen zu bereichern, die im Einzugsbereich eines Flusses leben. In Maharashtra hat der Staat durch Gebietsrechtsreformen und eine intransparente Politik willentlich dazu beigetragen, Vorgänge von Wasserraub zu legalisieren und zu legitimieren.
Seine Fluidität, seine schwankende Verfügbarkeit in Zeit und Raum sowie sein Vorkommen in unterschiedlichen Systemen (Oberlauf, Unterlauf, Wasserscheide, Becken) haben enormen Einfluss auf die Allokation, Umverteilung, Verbreitung und auch die Qualität von Wasser. Doch die Komplexität des hydrologischen Systems verschleiert häufig, durch welche Vorgänge es zur Umverteilung kommt und worin die damit verknüpften Auswirkungen für die Umwelt und die verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen bestehen. Mit diesen flüssigen Eigenschaften des Wassers korrespondiert das flüchtige Wesen des Grabbing-Vorgangs: ungleiche Machtbeziehungen, mangelnde Trennschärfe zwischen Legalität und Illegalität, zwischen formalen und nicht formalen Rechten; unklar definierte administrative Grenzen und Rechtsräume sowie undurchsichtige Aushandlungsprozesse.
Überall auf der Welt hat Wasserraub zu einer signifikanten Neu- und Umverteilung von Wasserressourcen und Wasserbesitz geführt, mit Folgen für die grundlegendsten Menschenrechte. 1944 warnte der Wirtschaftshistoriker und Soziologe Karl Polanyi inmitten der turbulenten Kriegsjahre davor, Land und Arbeit aus der Sphäre von Gesellschaft und Kultur herauszulösen und als Warenwerte zu behandeln – aus heutiger Sicht mag man Wasser zu dieser Liste hinzufügen. Land, Arbeit und Wasser sind von elementarer Bedeutung für den Menschen. Daher sollten Marktmechanismen gewiss nicht die einzigen Regulatoren sein, die über unseren Umgang mit ihnen entscheiden. Andernfalls seien Natur und Gesellschaft in ihrem Bestand gefährdet, warnte Polanyi. Angesichts der Weltfinanzkrise unserer Tage und des ungebrochenen neoliberalen Marktenthusiasmus nehmen sich Polanyis Worte 70 Jahre später realistischer aus denn je.
 
Dieser Text ist im Themenheft des Weltfriedensdienst KOMPASS Nr. 3/DURST erschienen und basiert auf der Einleitung zu einer Sonderausgabe der „Water Alternatives“, dem „Special Issue 5 (2) 2012“, hrsg. v. L. Mehta, G. J. Veldwisch u. J. Franco.
Dr. Lyla Mehta ist Professorial Research Fellow am Institute of Development Studies in Brighton, Sussex und Visiting Professor an der Noragric, Norwegian University of Life Sciences. Sie hat die Ursachen und Zusammenhänge von natürlicher und konstruierter Wasserknappheit u. a. in Westindien untersucht und zuletzt das weltweit implementierte Integrated Water Resources Management (IWRM) einer kritischen Prüfung unterzogen.